Als Jobcoach sitze ich naturgemäß zwischen Bewerbenden und Arbeitgebern/HR.
Der Frust, den ich dabei regelmäßig von Bewerbern höre, ist erstaunlich verlässlich. Und erstaunlich unabhängig von dem, was im laufenden Bewerbungsprozess tatsächlich gerade passiert. Zeit allein reicht völlig aus. Mal zu viel davon, mal zu wenig.

Bleibt auf eine Bewerbung tage- oder wochenlang eine Rückmeldung aus, ist das Urteil sofort gefällt. Nicht über den Prozess, sondern über das Unternehmen.

Unorganisiert, wertschätzungsfrei, führungsschwach, Chaosladen.

Die angestrebte Stelle wird innerlich beerdigt, obwohl noch nichts passiert ist. Kein Gespräch, keine Absage – aber ein moralisches Endurteil.

Kommt eine Rückmeldung hingegen superschnell, zum Beispiel innerhalb von 48 Stunden mit einer Einladung zum Interview, ist das ebenfalls falsch. Dann gilt HR als panisch, der ganze Laden als instabil, die Vakanz nur als Notlösung. Schnelligkeit ist dann kein Zeichen von Struktur, sondern ein Verdachtsmoment.

Seriös ist offenbar nur, wer langsam ist. Aber bitte nicht zu langsam.

Dazwischen liegt ein Idealtempo, das scheinbar viele erwarten, aber niemand benennen kann. Es scheint ausschließlich in den Köpfen zu existieren, wirkt dort aber wie ein Naturgesetz. Wer es verfehlt, verliert. Egal in welche Richtung.

In meinen Coachings erkläre ich als Ex-HR’ler dann das Naheliegende:

HR arbeitet – in der Regel – nicht im Vakuum. Es gibt Urlaube, Krankmeldungen, Abstimmungen, Prioritäten. Manchmal dauert es. Manchmal geht es verdammt schnell. Beides ist banal. Beides ist normal.

Das scheint aber nur selten zu interessieren. HR-Reaktionszeiten werden nicht eingeordnet, sie werden sofort bewertet. Und zwar endgültig. Inhalte, Aufgaben, Zusammenarbeit? Zweitrangig.

Am Ende fühlen sich Bewerbende schlecht behandelt, Unternehmen wundern sich über leere Stellen, weil Bewerber wieder abspringen, und dann wird über den schwierigen Arbeitsmarkt geschimpft.

Aus meiner Perspektive ist das nicht unbedingt ein schwieriger Markt. Zumindest nicht schwieriger als sonst. Es ist aber ein Markt voller Überinterpretation, Anspruchshaltung und erstaunlich wenig Bereitschaft, Sachverhalte einfach mal realistisch einzuordnen.

Stattdessen ist es ja auch viel einfacher zu behaupten:

HR macht aber auch alles falsch!

In diesem Sinne: Auf ein Neues!