Wenn in Gesprächen mit Arbeitgebern/Führungskräften der Begriff „Fachkräftemangel“ fällt, weiß ich inzwischen, dass es nicht wirklich um eine Lösung geht. Es scheint vielmehr darum, das Gespräch an genau dieser Stelle zu beenden. Der Begriff funktioniert wie ein sauberer Schlussstrich. Danach muss man nichts mehr erklären, nichts mehr hinterfragen und vor allem nichts mehr ändern.

Der Markt ist schuld. Fertig.

In meiner Praxis höre ich das oft so: „Wir finden einfach niemanden mehr.“

Und fast immer folgt unausgesprochen der Zusatz:

… der das hier zu diesen Bedingungen machen will.“

Über diesen Teil wird ungern gesprochen. Er stört die Erzählung.

Ich werde dann regelmäßig gefragt, ob ich nicht Menschen kenne, die ich empfehlen könnte.

Aus meinem Netzwerk. Gute Fachkräfte. Belastbar, flexibel, loyal. Möglichst schnell verfügbar.

Das klingt zunächst harmlos, fast pragmatisch. Tatsächlich steckt darin bereits das ganze Problem. Denn gesucht werden wohl keine Menschen, sondern Funktionen. Und erwartet wird Anpassung, noch bevor irgendjemand gefragt hat, was diese Arbeit eigentlich kostet.

Über Menschen-/Mitarbeiterführung wird in diesen Gesprächen selten gesprochen. Über Verantwortung auch nicht. Schon gar nicht darüber, wie Entscheidungen getroffen werden oder wie mit Fehlern umgegangen wird. Stattdessen verweist man auf den Markt. Der ist schwierig. Leer. Anspruchsvoll. Als hätte er plötzlich schlechte Laune bekommen.

Aus meiner Arbeit als Jobcoach weiß ich: Mitarbeiter gehen nicht, weil der Markt sie lockt. Sie gehen, weil sie merken, dass sie zwar funktionieren sollen, aber weder ernsthaft beteiligt sind noch respektiert werden.

Mitarbeiterführung? Weiterentwicklung? Wertschätzung? Was ist das?

Man könnte fast annehmen, dass diese Begriffe seit Jahren auf dem Index stehen.

„Fachkräftemangel“ ist aber auch praktisch. Er macht aus Entscheidungen ein Schicksal, aus internen Versäumnissen/Mißständen äußere Zwänge. Und aus der Frage, warum jemand gehen sollte, eine statistische Randnotiz. Er schützt Organisationen davor, sich selbst zum Thema zu machen. Und er schützt die Politik davor, zu erklären, warum sich an den tatsächlichen Arbeitsbedingungen seit Jahren so wenig ändert.

Denn irgendwelche Förderprogramme lassen sich publikumswirksamer ankündigen als die Ursachen zu verändern. Qualifizierung klingt besser als Machtfragen. Und Zuwanderung ist ein angenehmes Thema, solange man nicht darüber sprechen muss, was ausländische Fachkräfte hier konkret erwartet, wenn sie anfangen zu arbeiten.

Fachkräftemangel wird meist dort ausgesprochen, wo man eigentlich eine andere Frage stellen müsste:

Nämlich die, warum jemand freiwillig im Unternehmen bleiben sollte. Und solange diese Frage nicht gestellt wird, wird man auch weiterhin vom Fachkräftemangel sprechen. Nicht, weil er so rätselhaft ist. Sondern weil er so bequem ist.